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Was ist der Morbus Alzheimer?
Der Verlust der intellektuellen Leistungen des Gehirns wird im medizinischen Fachjargon ganz allgemein als Demenz bezeichnet. Der häufigste Grund hierfür ist der Morbus Alzheimer, weshalb das Krankheitsbild auch als "Demenz vom Alzheimer-Typ" bezeichnet wird. Trotz intensiver Forschungen gibt es auch heute noch keine ursächliche Heilung, doch lässt sich das Fortschreiten der Erkrankung mithilfe von Medikamenten zumindest hinauszögern. Dass Merkfähigkeit, Denkvermögen, Sprache und praktisches Geschick kontinuierlich schwinden, kennzeichnet die erste Phase der Erkrankung. Im weiteren Verlauf lassen die geistigen Fähigkeiten dann immer weiter nach, so dass die Betroffenen ihren Alltag nicht mehr alleine meistern können. Im Endstadium sind nahezu alle Alzheimer-Patienten pflegebedürftig.
So auch Auguste Deter, die am 8. April 1906 in einer Frankfurter Krankenanstalt verstirbt - 56 Jahre alt und geistig völlig verwirrt. Nichts Ungewöhnliches - doch die Neugier eines Arztes aus Unterfranken verschafft ihr einen Platz in der Medizingeschichte. Alois Alzheimer (1846-1915) untersucht das Gehirn der Toten, legt die mit Silber gefärbten Schnitte unter das Mikroskop und entdeckt in dem deutlich geschrumpften Denkorgan seltsame Klumpen und fadenförmige Gebilde. Diese Veränderungen macht der Neuropathologe für den dramatischen Gedächtnisverlust seiner Patientin verantwortlich. Bis zur Bestätigung des von Alzheimer vermuteten Zusammenhangs sollten zwar noch Jahrzehnte vergehen. Heute steht aber fest: Auguste Deter ist der erste aktenkundige Fall des Morbus Alzheimer.
Massenphänomen Demenz
Alois Alzheimer hat gewiss nicht geahnt, dass sich das nach ihm benannte Leiden hundert Jahre später laut Weltgesundheitsorganisation WHO zu einem "der größten medizinischen Probleme weltweit" entwickeln würde. Allein in Österreich leiden neuesten Studien zufolge derzeit 100.000 Menschen unter einer Demenz. Experten gehen davon aus, dass die Zahl der Betroffenen bis 2050 auf knapp 250.000 ansteigen wird.
Der Grund für diese Prognose ist die steigende Lebenserwartung, denn Demenzen treten vor allem im höheren Alter auf. Das gilt auch für die Alzheimer’sche Krankheit, die mit großem Abstand häufigste Ursache einer Hirnleistungsschwäche . Alzheimer ist für etwa drei Viertel der Demenz-Erkrankungen verantwortlich. Vor dem 65. Lebensjahr ist die Krankheit relativ selten, man spricht in solchen Fällen von der präsenilen Form. Danach steigt das Erkrankungsrisiko stetig an. So leiden etwa fünf Prozent aller Menschen über 65 unter einem Morbus Alzheimer. In der Altersgruppe der über 85-Jährigen ist bereits etwa jeder Dritte betroffen.
Schleichendes Absterben von Nervenzellen
Trotz intensiver Forschungsbemühungen konnten die genauen Ursachen der Alzheimer-Demenz bislang nicht ermittelt werden. Wenn sich bei den Betroffenen die ersten Symptome zeigen, sich also zunehmende Vergesslichkeit bemerkbar macht, hat das Gehirn bereits einen über Jahre und Jahrzehnte langsam fortschreitenden Veränderungsprozess hinter sich. Unbemerkt sind zahlreiche Nervenzellen und die Synapsen, über die die Nervenzellen miteinander in Verbindung stehen und kommunizieren, abgestorben.
Dies geschieht vor allem in den Hirnregionen, die für Gedächtnisbildung und Informationsverarbeitung von Bedeutung sind. Dort wird bereits Erlerntes mit neuen Sinneseindrücken verknüpft und als Gedächtnisinhalt abgespeichert. Durch den Untergang der Nervenzellen funktioniert dieser Informationsverarbeitungsprozess nicht mehr richtig, was sich zunächst vor allem in einem Nachlassen des Kurzzeitgedächtnisses bemerkbar macht.
Allerdings sind in dem Netzwerk von Milliarden Neuronen die Erinnerungen eines gesamten Lebens gespeichert - und damit auch die gesamte Persönlichkeit eines Menschen. All das kann beim Morbus Alzheimer durch den fortschreitenden Zelltod nach und nach verloren gehen. Verschärft wird das Problem dadurch, dass der Verlust der Nervenzellen eine Abnahme des Botenstoffes Acetylcholin mit sich bringt. Ohne diesen wichtigen Neurotransmitter ist die Kommunikation unter den noch verbliebenen Hirnzellen zusätzlich beeinträchtigt, beziehungsweise kommt sie gänzlich zum Erliegen. Mit so genannten Cholinesterase-Hemmern, den bei der Behandlung von Demenzen derzeit am häufigsten eingesetzten Medikamenten, lässt sich dieser Mangel teilweise beheben.
Weshalb es im Gehirn von Alzheimer-Patienten zu diesen degenerativen Veränderungen kommt, kann die Wissenschaft nicht mit Sicherheit sagen. Verantwortlich sind sehr wahrscheinlich die "seltsamen Klumpen und fadenförmigen Gebilde", die schon Alois Alzheimer im Denkorgan von Auguste Deter entdeckte. Wie man heute weiß, bestehen diese so genannten Mikrofibrillen und Plaques aus fehlerhaft gebildeten Eiweißstrukturen: Beta-Amyloid-Proteine lagern sich an den Nervenzellen ab, beeinträchtigen deren Kommunikation und führen - so vermutet man - letztlich zum Absterben der Neuronen. Einige Wissenschafter vertreten allerdings die Ansicht, dass die Eiweißablagerungen eher Folge denn Ursache des Zelluntergangs sind. Gegen diese Annahme spricht, dass der Gedächtnisverlust zumindest im Tierversuch aufgehalten werden kann, wenn die Amyloid-Bildung verhindert wird.
Auslöser weitgehend unbekannt
Viel spekuliert wird auch darüber, was den Morbus Alzheimer letztlich hervorruft. Genau beantworten kann das nach wie vor niemand, doch hat die Forschung eine Reihe von Risikofaktoren identifiziert, welche die Entstehung der Krankheit begünstigen. Der wichtigste Faktor ist wie erwähnt das Alter. Ab dem 65. Lebensjahr steigt die Erkrankungshäufigkeit fast exponentiell an. Dass insgesamt deutlich mehr Frauen als Männer unter Alzheimer leiden, erklärt man sich in erster Linie durch die höhere Lebenserwartung des weiblichen Geschlechts.
Genetische Faktoren scheinen eine gewisse Rolle zu spielen. So gibt es eine bereits zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr beginnende Form der Alzheimer-Demenz, die auf einer bestimmten Veränderung im Erbgut beruht. Diese Ausprägung der Erkrankung ist aber glücklicherweise extrem selten. Generell ist die Wahrscheinlichkeit, an Alzheimer zu erkranken, bei Verwandten ersten Grades im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung leicht erhöht. Einige Gene, die das Alzheimer-Risiko steigern, konnten mittlerweile sogar gefunden werden, doch sie allein kommen als Auslöser nicht in Frage. Denn sonst müssten häufig mehrere Mitglieder einer Familie an Alzheimer erkranken. In der Realität kommt das aber selten vor.
Experten gehen davon aus, dass es sich beim Morbus Alzheimer um ein multifaktorielles Geschehen handelt. Das heißt: Es gibt mehrere potenzielle Auslöser, die wahrscheinlich auch noch zusammenkommen müssen, damit die Krankheit ausbricht. Als mögliche Risikofaktoren werden genannt: Schädel-Hirn-Verletzungen, übermäßiger Alkoholgenuss, Rauchen. Auch Erkrankungen wie Diabetes, Schilddrüsenunterfunktion, Bluthochdruck oder Fettstoffwechsel-Störungen erhöhen offenbar das Erkrankungsrisiko. Allerdings sind die Studienergebnisse oft widersprüchlich. Festzuhalten bleibt also: Obwohl Forscher auf der ganzen Welt intensiv daran arbeiten, den Krankheitsprozess besser zu verstehen, liegt auch im 100 Jahre nach dem Todesjahr von Auguste Deter noch vieles im Dunkeln.