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Was ist eine Epilepsie?
Hundert Millionen Nervenzellen gibt es im menschlichen Gehirn, und jede einzelne kann mit Hunderten oder gar Tausenden anderen Neuronen in Verbindung stehen. In diesem gigantischen Netzwerk werden permanent Signale übermittelt und Informationen übertragen, in Form von elektrischen Impulsen. Unser gesamtes Denken, Fühlen und Handeln ist letztlich nichts anderes als elektrische Aktivität.
Unter normalen Umständen verläuft das Zusammenspiel der Hirnzellen äußerst wohlgeordnet. Wenn wir beispielsweise den Arm heben wollen, wird diese absichtliche Bewegung durch eine präzise dosierte und koordinierte Signalübertragung zwischen den zuständigen Neuronen initiiert, gelenkt und wieder beendet. Bei einem epileptischen Anfall kommt es vorübergehend zu einer Funktionsstörung dieses Systems.
Man kann sich diese Störung vorstellen wie ein Gewitter: Gruppen von Nervenzellen feuern plötzlich gleichzeitig und geben in übermäßig schneller Folge Impulse ab. Da die Neuronen miteinander in Verbindung stehen, kann sich dieser Blitz im Gehirn ausbreiten. Auf welche Weise sich das bemerkbar macht, hängt davon ab, welche Hirnregionen von dem neuronalen Gewittersturm betroffen sind. Die Bandbreite reicht von einem kurzen Abschweifen der Aufmerksamkeit oder abnormen Wahrnehmungen bis hin zum generalisierten Krampfanfall mit unkontrollierten Zuckungen der Muskeln und dem Verlust des Bewusstseins.
Gelegenheitsanfall oder Epilepsie?
Ganz allgemein lässt sich ein epileptischer Anfall definieren als Funktionsstörung des Gehirns, die durch kurzfristig vermehrte und einander gegenseitig aufschaukelnde elektrische Entladungen von Nervenzellen – genauer gesagt von ausreichend großen Nervenzellgruppen – entsteht. Allerdings gehört die Krampfbereitschaft zu den grundlegenden Eigenschaften des Gehirns. Das heißt, bestimmte Umstände können bei jedem Menschen einen epileptischen Anfall auslösen - beispielsweise eine Entzündung oder Verletzung des Gehirns, aber auch anhaltender Schlafentzug sowie Drogen- oder Alkoholkonsum.
Tatsächlich erleidet jeder Zwanzigste irgendwann in seinem Leben einen Krampfanfall. Das bedeutet aber keinesfalls, dass diese Menschen allesamt unter einer Epilepsie leiden. In der überwiegenden Zahl der Fälle handelt es sich um ein einmaliges Geschehen, einen sogenannten Gelegenheitsanfall. Nach ihrer Definition ist die Epilepsie aber ein chronischer Zustand des Gehirns, der durch eine abnorm erhöhte Neigung zu epileptischen Anfällen definiert ist. Leider ist auch dies alles andere als eine Seltenheit.
Allein in Österreich sind rund 65.000 Menschen betroffen, weltweit sind es nach Schätzungen etwa 0,8 Prozent der Bevölkerung. Damit gehört die Epilepsie zu den häufigsten chronischen Krankheiten des Gehirns. Prinzipiell kann man in jedem Alter erkranken. Allerdings treten die ersten Anfälle beim Großteil der Epilepsie-Patienten bereits im Kindes- und Jugendalter auf. Eine geschlechtliche Häufung gibt es nicht.
Erkrankung bleibt rätselhaft
Ein epileptischer Anfall beruht wie gesagt auf einer kurzfristigen synchronen Erregung von Nervenzellen. Man nimmt an, dass dieser elektrische Sturm durch ein Ungleichgewicht des Neurotransmitter-Haushalts bedingt ist. Neurotransmitter sind chemische Botenstoffe, die - vereinfacht ausgedrückt - die elektrische Signalübertragung zwischen den Nervenzellen regulieren. Es gibt sowohl hemmende als auch erregende Neurotransmitter – und dementsprechend zwei mögliche Gründe für die Überreaktion im Gehirn, zu der es bei einem Krampfanfall kommt.
Entweder besteht ein Überangebot an den für die Erregung zuständigen Botenstoffen, oder aber die hemmenden Neurotransmitter, die der unkontrollierten Ausbreitung der Erregung im Normalfall Einhalt gebieten, werden von den Nervenzellen in zu geringer Menge freigesetzt. Allerdings ist das bislang nur eine Theorie, auch wenn nicht wenige neue wissenschaftliche Erkenntnisse dafür sprechen. Insgesamt ist zu sagen, dass das Wissen über die Entstehung von Epilepsien in den letzten Jahren zwar enorm zugenommen hat, die exakten physiologischen Zusammenhänge sind aber nach wie vor nicht zur Gänze geklärt.
Breites Spektrum von Ursachen
Generell unterscheiden Mediziner zwei Formen der Erkrankung: die symptomatische und die idiopathische Epilepsie. Bei der symptomatischen Form ist die erhöhte Krampfbereitschaft Ausdruck einer Grunderkrankung, sie lässt sich also an einer Ursache festmachen. Dementsprechend wird auch von einer erworbenen Epilepsie gesprochen. Das Spektrum der Erkrankungen, die eine Epilepsie zur Folge haben können, ist breit und umfasst Hirnschädigungen jeglicher Art.
Angefangen bei einer Sauerstoff-Unterversorgung des Gehirns, über Entwicklungsstörungen, Stoffwechselerkrankungen, Vergiftungen, traumatische Schädel-Hirn-Verletzungen und Entzündungen bis hin zu Hirntumoren und Schlaganfall. All diese Erkrankungen können zu strukturellen Veränderungen im Hirngewebe führen, also Defekten oder Narben, die in der Folge benachbarte Nervenzellen beeinträchtigen. Deshalb handelt es sich bei den symptomatischen Formen oft um fokale Epilepsien. Das heißt, es gibt einen lokalen Anfallsherd, von dem die Krämpfe ausgehen.
Gene können beteiligt sein
Lässt sich keine zugrunde liegende Ursache erkennen, handelt es sich um eine idiopathische oder genuine Epilepsie. Inwieweit diese Epilepsien genetisch bedingt sind, wird von der Forschung noch kontrovers diskutiert. Fest steht allerdings, dass es eine gewisse familiäre Häufung der Erkrankung gibt. Was darauf hinweist, dass zumindest die Veranlagung zu einer erhöhten Krampfbereitschaft vererbt wird, auch wenn deshalb nicht automatisch alle Familienmitglieder unter einer Epilepsie leiden.
Bei einigen Formen der Erkrankung konnten mittlerweile erbliche Faktoren samt den dazugehörigen Gen-Orten identifiziert werden, etwa bei Epilepsien mit Fieberkrämpfen. In einer groß angelegten Familienuntersuchung identifizierten Forscher eine Genveränderung, die den Stoffwechsel von Hirnzellen dahingehend stört, dass es zu einer elektrischen Übererregbarkeit kommt.