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Was ist die Multiple Sklerose?
Die Multiple Sklerose, kurz MS, ist eine chronisch entzündliche Erkrankung des Zentralen Nervensystems. Das bedeutet, dass sowohl das gesamte Gehirn als auch das Rückenmark von den krankheitsbedingten Veränderungen betroffen sein können. Im Fachjargon wird die Erkrankung auch als „Enzephalomyelitis disseminata“ bezeichnet. Die Übersetzung dieses Fachbegriffes bietet zugleich eine Beschreibung der krankheitsbedingten Veränderungen: Denn bei der MS kommt es zu vielen Entzündungen (-itis) an verstreut (disseminiert) liegenden Stellen von Hirn (Enzephalon) und Rückenmark (Myelon).
Lange Zeit dachte man, dass durch die Entzündung nur die fetthaltige Isolierschicht um die Nervenzellen, das sogenannte Myelin, zerstört wird. Mittlerweile weiß man aber, dass auch die Nervenfasern und Nervenzellen selbst Schaden nehmen. Im Endeffekt führt beides zu demselben Ergebnis: Infolge der Schädigungen wird die Informationsübertragung zwischen den Nervenzellen nachhaltig gestört. Die elektrischen Impulse und chemischen Botschaften, über die das Nervensystem kommuniziert und so die verschiedensten Körperfunktionen (wie etwa die Muskelbewegungen) steuert, werden nicht mehr oder nur noch eingeschränkt weitergeleitet.
Je nachdem, an welcher Stelle von Gehirn und Rückenmark die neuronale Kommunikation durch die Entzündungsherde beeinträchtigt ist, kann sich eine Vielzahl unterschiedlicher Beschwerden zeigen. Aus diesem Grund wird die Multiple Sklerose auch immer wieder als „Krankheit mit tausend Gesichtern“ bezeichnet.
Beginn meist vor dem 40. Lebensjahr
Bei der MS handelt es sich um ein chronisches Leiden, für das trotz intensiver Forschungsbemühungen bis zum heutigen Tag keine ursächliche Behandlung existiert. Allerdings gibt es Medikamente, mit denen sich das Fortschreiten der Erkrankung bremsen und die Symptome lindern lassen. Faktum bleibt leider, dass nach 20, 25 Jahren Krankheitsdauer ein relativ hoher Prozentsatz der Patienten körperlich so stark beeinträchtigt ist, dass Berufstätigkeit unmöglich und pflegerische Unterstützung notwendig wird.
Meist treten die ersten Beschwerden zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr auf. Wie die Krankheit von da ab verläuft, ist individuell sehr verschieden. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen einer schubweisen und einer kontinuierlich fortschreitenden Verlaufsform. Während eines Schubs entwickeln sich innerhalb von Stunden bis mehreren Tagen Beschwerden und Symptome, die sich in der nachfolgenden Erholungsphase vollständig oder teilweise zurückbilden.
Bei 80 Prozent der MS-Patienten verläuft die Krankheit zunächst in solchen Schüben, die sehr unregelmäßig auftreten. Dazwischen liegen dann Phasen, in denen die Krankheitsaktivität zum Stillstand kommt. Wie lange diese Phasen dauern, lässt sich nicht vorhersagen. Allerdings scheint es Faktoren zu geben, die einen Schub zumindest begünstigen können. Dazu gehören extreme körperliche und psychische Belastungen (Stress), aber auch hohe Außentemperaturen, Fieber und organische Erkrankungen aller Art.
Häufige Übergänge zwischen den Verlaufsformen
Etwa ein Fünftel der Patienten leidet von Beginn der Erkrankung an unter einem chronisch progredienten Verlauf: Bei diesen Patienten schreitet die MS kontinuierlich voran, ohne dass es zwischenzeitlich zu einer wirklichen Besserung der Beschwerden kommt. Das bedeutet, die bestehenden Symptome heilen - wenn überhaupt - nur unvollständig ab und die bleibenden Schäden im Nervensystem nehmen stetig zu.
Die schubweise Form ist wie erwähnt die bei weitem häufigere. Allerdings geht die Multiple Sklerose ohne Behandlung bei 40 Prozent der Patienten mit ursprünglich schubweisem Verlauf nach etwa zehn Krankheitsjahren in eine permanent schleichende Form über. Grundsätzlich besteht aber keine Möglichkeit, die individuelle Entwicklung der Krankheit bei einem Patienten oder einer Patientin vorauszusagen.
Eine Multiple Sklerose kann jederzeit in der gerade vorhandenen Form zum Stillstand kommen, auch für Jahre. Die genannten Zahlen sind zwar statistisch belegt, doch letztlich handelt es sich nur um Wahrscheinlichkeiten. Fest steht, dass Frauen zwei- bis dreimal so häufig betroffen sind wie Männer, wofür vielfach hormonelle Einflüsse verantwortlich gemacht werden. In den deutschsprachigen Ländern liegt die sogenannte Prävalenz bei 100 bis 140 Kranken pro 100.000 Einwohner - was bedeutet, dass es in Österreich etwa 10.000 MS-Patienten gibt.
Immunsystem, Gene und Umweltfaktoren
Über die Ursachen der Erkrankung diskutieren Wissenschafter seit Jahrzehnten, und obwohl weltweit intensiv geforscht wird, ist das Geheimnis nach wie vor nicht gelüftet. Etliche Faktoren wurden und werden ins Spiel gebracht. Inzwischen geht man davon aus, dass mehrere von ihnen zusammenkommen müssen, damit sich eine Multiple Sklerose entwickelt.
Ziemlich sicher ist allerdings, dass das Immunsystem eine entscheidende Rolle spielt: Normalerweise besteht seine Aufgabe darin, den Körper vor Krankheitserregern zu schützen. Im Zuge sogenannter Autoimmunerkrankungen richtet sich das Immunsystem aber fälschlicherweise gegen den eigenen, gesunden Körper. Im Fall der MS bilden sich Antikörper gegen jene Schicht, die unsere Nervenzellen schützend umgibt (Myelin-Schicht). Diese wird von den Abwehrzellen angegriffen und zerstört.
Eine Theorie zur Entstehung der Krankheit besagt, dass die Fehlsteuerung des Immunsystems durch an sich harmlose Infektionen im Kindes- oder Jugendalter ausgelöst wird. Im Verdacht standen schon viele Erreger, so etwa die Herpes-Viren. Der Schwachpunkt an dieser Erklärung: Zahlreiche Menschen infizieren sich mit diesen Viren, doch die wenigsten erkranken an Multipler Sklerose.
Aus diesen und anderen Gründen wird die Krankheit heute als ein multifaktorielles Geschehen angesehen, das am ehesten durch ein Zusammenspiel verschiedener Umstände entsteht. Dazu gehören neben dem Kontakt mit Krankheitserregern, eine gewisse genetische Veranlagung und wahrscheinlich noch weitere Faktoren wie Umwelteinflüsse. Entgegen einer leider immer noch verbreiteten Mär, lässt sich eines allerdings mit Gewissheit sagen: Die Multiple Sklerose ist definitiv nicht ansteckend.