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Wunderwerk Gehirn
"Ich glaube, dass das Gehirn eine sehr große Macht im Menschen besitzt... Die Menschen müssen ferner wissen, dass von nirgendwo anders her Freude und Frohsinn, Lachen und Scherzen kommen als daher, woher auch Trauer und Kummer, Missmut und Weinen herrühren." (Hippokrates - 460 v. Chr. bis 375 v. Chr.)
Was dieses Zitat außergewöhnlich macht, ist sein Alter. Denn zu Hippokrates’ Lebzeiten war über den Organismus noch nicht allzu viel bekannt, und über das Gehirn schon gar nicht. Doch heute, fast zweieinhalb Jahrtausende später, weiß man, wie Recht der Begründer der modernen Medizin hatte. Alles, was das menschliche Leben auszeichnet, unser gesamtes Fühlen, Denken und Handeln hängt von dem zwischen 1.300 und 1.500 Gramm schweren Organ unter der Schädeldecke ab. Auch das Ich-Bewusstsein hat dort seinen Sitz.
Man kann ohne Übertreibung sagen: Das Gehirn des Menschen ist ein Wunderwerk der Natur und die komplexeste Struktur, die die Evolution hervorgebracht hat. 100 Millionen Nervenzellen arbeiten dort, jede einzelne ist über spezielle Kontakte, die Synapsen, mit durchschnittlich 10.000 anderen Neuronen verknüpft. Ein gigantisches Netzwerk, das nicht nur sämtliche, über die Sinnesorgane eintreffenden Informationen aus der Außenwelt verarbeitet, sondern auch die gesamten Körperfunktionen steuert.
Areale mit Arbeitsteilung
Im Gehirn, das gemeinsam mit dem Rückenmark das zentrale Nervensystem bildet, lassen sich grob drei verschiedene Bereiche unterscheiden: Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm.
Das Großhirn beheimatet die höheren Hirnfunktionen. Es besteht aus zwei Hälften, den sog. Hemisphären, die jeweils vier Lappen umfassen: Der Stirnlappen ist so etwas wie die übergeordnete Kontrollinstanz unseres Verhaltens und spielt eine entscheidende Rolle für das Bewusstsein. Das Sehen, Erinnern von Bildern sowie das Lesen gehören zu den Hauptaufgaben des Hinterhauptlappens. Der Schläfenlappen ist bedeutend für die Zusammenführung und Bewertung von Hör- und Sehinformationen, sowie deren langfristige Speicherung. Dabei befindet sich das Sprachgedächtnis auf der linken, das nonverbale Gedächtnis auf der rechten Seite. Für die räumliche Orientierung, bestimmte Aspekte der Bewegungssteuerung, Rechnen, Satzbau und Wortstellung ist der Parietallappen zuständig.
Der entwicklungsgeschichtlich älteste Teil des Großhirns ist das Limbische System. Dessen zentrale Struktur, die Amygdala, gilt als das Gefühlszentrum, in dem Reize emotional bewertet werden. Ein weiterer Teil des Limbischen Systems ist der Hippocampus, der bei der Verarbeitung und Speicherung neuer Gedächtnisinhalte entscheidende Bedeutung besitzt. Das ebenfalls aus zwei Hemisphären bestehende Kleinhirn hat seine wichtigsten Aufgaben bei der Steuerung und Kontrolle von Bewegungen, insbesondere im Bereich der Feinmotorik. Last but not least, der Hirnstamm, der den Übergang des Gehirns zum Rückenmark bildet. Seine Hauptaufgabe besteht darin, ganz basale, lebensnotwendige Funktionen zu kontrollieren - wie etwa Schlaf, Herzschlag und Atmung.
Lernen ein Leben lang
Bei der Geburt verfügt das Zentralorgan bereits über alle grundlegenden "Schaltkreise", die der Mensch zum Leben braucht. Doch das Gehirn ist vor allem eines: eine Lernmaschine, die niemals aufhört, Informationen einzusammeln, zu verarbeiten und abzuspeichern. Daher wandelt sich das Netzwerk vom ersten bis zum letzten Tag unseres Lebens. Ständig entstehen neue Synapsen - häufig genutzte Verbindungen verstärken sich, brach liegende verkümmern. Durch diesen permanenten Umbau lernen wir Fahrradfahren, merken uns Telefonnummern, beherrschen als Erwachsene womöglich drei Fremdsprachen, können uns auch mit 80 Jahren noch an unseren ersten Kuss erinnern und - nicht weniger wichtig - vergessen so manches unschöne Ereignis.
Selbst wenn diese Prozesse noch längst nicht im Detail verstanden sind, steht fest: Letztlich ist die gesamte Biografie eines Menschen, alles was ihn mit seinen individuellen Fähigkeiten und Charakterzügen ausmacht, nicht mehr und nicht weniger als ein Produkt seines Gehirns.
Störungen mit weit reichenden Folgen
Die herausragende Stellung besitzt allerdings auch eine Kehrseite. Denn wenn in diesem so zentralen Organ etwas schief läuft, kann das gravierende Konsequenzen haben. Und leider ist das Gehirn nicht unverwundbar: Bei der Alzheimer-Krankheit beispielsweise kommt es zu einem schleichenden Absterben von Nervenzellen im Hippocampus. Nachlassende Gedächtnisleistungen bis hin zum beinahe völligen Verlust der kognitiven Fähigkeiten sind die Folge.
Bei Patienten mit Morbus Parkinson gehen ebenfalls Neuronen unter, allerdings in einem anderen Bereich. Dadurch mangelt es den Kranken an einem wichtigen Botenstoff, dem Neurotransmitter Dopamin, was in weiterer Folge zu Störungen der Motorik führt. Epileptiker wiederum erleiden Krampfanfälle, weil sich die Nervenzellen ihres Gehirns unkontrolliert entladen. Diese drei Beispiele veranschaulichen, welch vielgestaltige Folgen Störungen und Erkrankungen des menschlichen Gehirns haben können.
Revolution durch neue Therapien
Es ist noch gar nicht so lange her, da galten neurologische und psychische Leiden als unabwendbarer Schicksalsschlag. Doch gerade in diesem Bereich hat die Forschung in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht. Die Ursachen und Entstehungsmechanismen von Gehirnerkrankungen werden immer besser verstanden. Auf Grundlage dieses Wissens konnte die pharmazeutische Industrie Medikamente entwickeln, welche die Behandlung teils regelrecht revolutioniert haben.
So haben etwa Parkinson-Patienten heute bei optimaler Therapie eine nahezu normale Lebenserwartung, und ihre motorischen Probleme sind so gut beherrschbar, dass die Betroffenen über Jahrzehnte selbstständig bleiben. Allerdings: Gerade bei neurodegenerativen Erkrankungen wie dem Morbus Parkinson, der Alzheimer-Demenz oder der Multiplen Sklerose ist eine Heilung nach wie vor nicht möglich.
Durch die - und das ist ein ganz zentraler Punkt - regelmäßige Einnahme von Medikamenten lassen sich die Symptome aber behandeln. Und vielleicht noch wichtiger: Man kann verhindern, dass diese Krankheiten weiter fortschreiten. Entscheidend ist dabei aber, möglichst früh mit der Therapie zu beginnen. Denn mehr als für jedes andere Organ gilt für das Gehirn: Wenn Schäden erst einmal entstanden sind, lassen sich diese nur sehr schwer wieder gutmachen.